POINT-Studie: Hohe Prävalenz von HIV, HCV und anderen Infektionen bei Wohnungslosen

Bild: Logo POINT-Studie | RKI, https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/H/HepatitisC/Point-Studie.html5. Mai 2022 - Das Robert Koch-Institut (RKI) hat eine Studie zur Prävalenz von Hepatitis B (HBV), Hepatis C (HCV), HIV, Syphilis, Tripper, Chlamydien und Tuberkulose (TB) von wohnungslosen Menschen in Berlin im Epidemiologischen Bulletin 13/2022 veröffentlicht.

Anlass dazu sind die steigende Anzahl wohnungsloser Menschen in Deutschland, eine fehlende Datenlagen und eine unterschätze Prävalenz durch unzureichende Diagnostik. Das Ziel der Pilotstudie ist eine anschließende bundesweite Studie, um eine valide Basis für eine evidenzbasierte Ausgestaltung von Präventionsmaßnahmen zu generieren.

Die Prävalenz von Risikofaktoren und Infektionserkrankungen ist hoch

An den 216 Studienteilnehmer*innen wird die starke Ausprägung von Risikofaktoren deutlich. Mehr als die Hälfte der rekrutierten Personen haben in den letzten 30 Tagen intravenös Drogen konsumiert, in den letzten 12 Monaten ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt und waren mindestens einmal in Haft. 74% haben geringe bis keine Deutschkenntnisse.

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Prävalenz der getesteten Infektionserkrankungen bei Menschen in Wohnungslosigkeit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich höher ist. HCV hat mit 16 Prozent die höchste Prävalenz, gefolgt von TB mit 14.4 Prozent, aktiven STI mit 6,4 Prozent, HIV mit 2,8 Prozent und schließlich HBV mit 1,9 Prozent. Primärpräventive Angebote wie HBV- Impfungen haben über 50 Prozent nicht in Anspruch nehmen können,.18,9 Prozent sind durch eine vergangene HBV-Infektion immun. Eine Person mit HIV hatte bereits opportunistische Erkrankungen. 35,3 Prozent der Teilnehmenden ist eine mögliche HCV-Infektion nicht bekannt und bei 41,2 Prozent ist die Infektion nicht ausgeheilt oder unklar. Keine Person mit aktiver HCV-Infektion war zum Studienzeitpunkt in Behandlung.

Der Zugang zum Gesundheitssystem findet überwiegend außerhalb der Regelversorgung statt

57 Prozent der Studienteilnehmer*innen haben keine gültige Krankenversicherung, wodurch knapp über 50 Prozent in der Notaufnahme und in niedrigschwelligen Einrichtungen behandelt werden. Clearingstellen für Personen ohne Krankenversicherung werden von 7,7 Prozent der Studienteilnehmer*innen aufgesucht. Nur knapp 20 Prozent besuchen haus- oder fachärztliche Einrichtungen. 31 Prozent der Studienteilnehmer*innen gaben an, in der Vergangenheit einen Test gewünscht zu haben, davon wurden 48 Prozent wegen einer fehlenden Krankenversicherung oder anderer ökonomischer Gründe abgelehnt. 33 Prozent wussten nicht, an wen sie sich wenden können.

Der Ausbau niedrigschwelliger Angebote und eine bessere Datenlage sind notwendig

Die Autorenschaft empfiehlt einen Ausbau von niedrigschwelligen Angeboten in der medizinischen Regelversorgung mit einer Reduktion von Zugangsbarrieren und eine Ausweitung sozialarbeiterischer Begleitung. Zudem soll die Drogen- und Wohnungslosenhilfe enger mit der klinischen Infektiologie vernetzt sein. Niedrigschwellige, kostenlose Präventions- und Testangebote im Ramen bestehender Versorgungsstrukturen, wie zum Beispiel die Vergabe von Safer-Use- und Safer-Sex-Utensilien, unbürokratische HBV-Impfangebote ("Don´t ask, vaccinate") und anonyme HIV- und HCV-Schnelltestangebote, sollen individuelle Zugangsbarrieren reduzieren. Die Empfehlungen sollen für einen Rückgang der Prävalenz und der Krankheitslast zeitnah umgesetzt werden. Zudem besteht ein hoher Forschungsbedarf zu nichtübertragbaren Erkrankungen und eine bundesweite Datenerhebung.

Nur mit einer validen und umfassenden Datenlage, so das RKI, kann gesundheitspolitisch gehandelt werden und eine bessere Prävention, Diagnostik und Behandlung für Menschen in Wohnungslosigkeit ermöglicht werden.

Weitere Informationen zur Studie finden Sie unter rki.de.